Das erste Mal in Shorts und Strumpfhose
Ich bin Alex, 32 Jahre alt, verheiratet und trage seit vielen Jahren gerne Strumpfhosen. Zunächst im Winter unter der langen Hose, später als gemütliche Hose zu Hause. Für meine Partnerin war das von Anfang an ziemlich normal. Strumpfhosen sichtbar in der Öffentlichkeit zu tragen, habe ich mich lange nicht getraut. Dann aber wurde mir immer mehr klar, wir sehr wir Männer uns modisch einschränken: Frauen können wählen zwischen Hosen, Röcken und Kleidern; ausgefallene Muster und Farben werden als stylisch bewertet. Bei uns Männern herrscht hingegen die Uniformierung der Langeweile. „Bloß nicht auffallen“, scheint die Divise zu sein. Vielen Männern wird diese selbst auferlegte Einschränkung egal sein und das ist auch völlig in Ordnung. Wer aber einen extravaganteren Look pflegen möchte, hat es schnell schwer. Einerseits scheint es schwierig, geeignete Kleidung einkaufen zu können. Andererseits scheint es schwierig, unter anderen Männern die nötige Akzeptanz zu bekommen.
Diesen Frühling habe ich mich dann endlich getraut. Ich hatte einen beruflichen Termin in der Nähe einer Kleinstadt, in der ich sonst nie bin und in der mich niemand kennt. Ich zog eine blickdichte schwarze Herrenstrumpfhose an, eine lange Jeans drüber und nahm eine kurze Hose mit. Nach dem Termin fuhr ich in die Stadt und suchte ein Parkhaus. Im Auto zog ich die Jeans aus und die Shorts über meine Strumpfhose. Ich hatte mich für ein schwarzes Langarmshirt, eine schwarze Lederjacke für ein maskulines Erscheinungsbild und beige Shorts, die über dem Knie enden, als Farbklecks entschieden und trug dazu Sneaker. Ich ging in die Stadt und achtete zunächst darauf, in Bewegung zu bleiben. Ich wollte nicht stehenbleiben und anderen damit die Gelegenheit geben, mich näher zu mustern oder gar anzusprechen. Schaut mich jemand genauer an? Starrt jemand? Doch niemand schaut, niemand starrt. Ich gehe durch die Stadt und entdecke eine Ausstellung mit freiem Eintritt. Beim Hineingehen mustert mich eine junge Frau, ich gehe weiter und betrachte die Exponate. Ein paar Bänke sind hintereinander aufgestellt, um eine sich langsam bewegende Installation zu beobachten. Ich setze mich auf eine leere Bank. Niemand nimmt von mir Notiz. Nach einiger Zeit verlasse ich die Ausstellung wieder.
Auf dem Rückweg zum Parkhaus komme ich an einem Fahrradständer vorbei. Zwei Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, schließen gerade ihre Fahrräder auf. Das eine Mädchen mustert mich von Kopf bis Fuß, sagt aber nichts. Ich lächle und gehe weiter. Links von mir ist ein Straßencafé. Soll ich mich hinsetzen und einen Kaffee bestellen? Doch der Mut verlässt mich, ich gehe weiter. Kurz vor dem Parkhaus kommt mir ein Mann entgegen. Er betrachtet mich von oben bis unten, runzelt die Stirn und schüttelt kurz den Kopf. Ich gehe an ihm vorbei als sei nichts. Er trägt eine zu große Jogginghose mit Flecken – ich bin sicherlich besser gekleidet, sage ich mir.
Zurück am Auto bin ich erleichtert: Über meinen Mut und über das höfliche Desinteresse der meisten Passanten. Erst jetzt merke ich, wie nervös ich überhaupt war. Aber ich nehme mir vor, so einen Ausflug wieder zu unternehmen. Dann für einen halben Tag und nicht nur für eine Stunde. Und mit einem Besuch in einem Straßencafé.
Mein Fazit: Wir Männer brauchen mehr Mut. Niemand wird uns das Recht, sich frei von Zwängen zu kleiden, einfach geben – wir müssen es uns nehmen!
